Staub liegt in der Luft, die alte Mauer ist abgetragen und an der Seite gestapelt, das jahrhundertealte Vorderhaus von schlichter Bauplane verhüllt, Sandstein kreischt unter der Säge. Wer gerade an Schloss Liebieg vorbeigeht, könnte schockiert sein über den brachialen Anblick. Eins soll besorgten Bürgern gesagt sein: Von innen sieht es noch schlimmer aus. „Das ist ein Rohbau“, sagt der neue Besitzer Andreas Kreuter.

Es ist Hochbetrieb auf der denkmalgeschützten Baustelle: Eigentümer, Architekten, Bauleiter, Mitarbeiter schwirren durch die Treppenhäuser. Über staubige Stufen, durch leere Räume, unter Dachbalken entlang, durch die man in die nächste Etage schauen kann. Schloss Liebieg offenbart sein Skelett. „Was wir hier entfernen, sind Adaptionen, die dem Gebäude letztendlich nur wehtun“, sagt Georg Brüderl. Der Architekt und sein Team haben schon einige Bauprojekte dieser Größenordnung betreut. „Wir sind keine Laien, die hier wild loslegen, sondern wir sind uns bewusst, in welcher Qualität hier gebaut werden muss.“ Aber bevor sie bauen können, müssen sie erst mal rausreißen und entfernen, was Jahrhunderte zum eigentlichen Kerngebäude hinzugedichtet haben. „Wir führen alles wieder auf seinen Ursprung zurück, versuchen die Atmosphäre wiederherzustellen und die Tradition wieder aufzunehmen.“

Die Jahrhunderte hielten einiges bereit für Schloss Liebieg: Privatsitz, Museum, industrielle Anlage mit Webmaschinen und Stofflagern, gastronomischer Betrieb, Möbelhaus, hinzu kam ein Anbau, in dem Autos präsentiert wurden. „Es liegt in der Natur der Sache, dass Gebäude immer wieder neu genutzt und verändert werden und das nicht immer im Sinne des ursprünglichen Gedankens“, sagt Brüderl. Dem wolle man jetzt nachspüren. Dazu muss aber auch möglichst viel bewahrt bleiben: Die alte Mauer wurde Stück für Stück abgetragen und unweit der Baustelle gelagert. „Neue“ Steine aus Beton sollen durch Nachbauten aus originalgetreuem Sandstein reproduziert werden, sagt Kreuter. Die gotische Form finde sich nun auch im Logo des Weingutes wieder. Andere historische Substanzen werden ebenfalls aufgehoben – sofern sie denn immer Teil des Gebäudes waren: „Wir haben sehr alte Fliesen entfernt, die geschützt werden sollten“, sagt Kreuter. Auf Nachfrage hieß es, dass diese allerdings erst vor acht Jahren im Schloss verlegt worden waren. „Das ist vielleicht eine alte Fliese, aber sie gehört nicht zum Gebäude.“

Vieles sei auch Spurensuche: „Als wir den alten Holzboden rausgerissen haben, kam ein noch älterer Holzboden zum Vorschein.“ Gut, dann kommt der eben wieder rein. Man muss behutsam vorgehen und immer bereit sein, sich auf neue Situationen einzustellen. Denn das Gebäude liefert fast täglich solche und ähnliche Überraschungen. Vor Kurzem habe man eine Wand eingerissen, erzählt Kreuter: „Und dann war da auf einmal ein Fenster.“ Ornamente, Ecken, Nischen – vieles wurde versteckt, zugemauert, verbaut. „Wir wollen dem Gebäude die Chance geben, wieder zu erwachen“, sagt Brüderl. Mit all den alten Bögen, versteckten Fenstern, Reliefs und bildhauerischen Arbeiten, die ihm zu eigen sind – aber auch mit einigen notwendigen modernen Eingriffen: Brandschutzverordnungen, Fluchtwegepläne, Schall- und Wärmeschutz – und manchmal beißt sich das sogar mit dem Denkmalschutz: „Wir müssen stellenweise neue Decken einziehen, auch wenn wir die alten gerne im Bestand gelassen hätten“, sagt Brüderl. Aber die haben über die Jahrhunderte stark gelitten, und Personenschutz gehe nun mal vor. „In gewissen Bereichen wird es Modernität geben, aber das bedeutet nicht, dass wir hier ausgeflippt mit dem Gebäude umgehen. Sondern wir wollen die Historie mit dem Neuen verbinden und so Spannung schaffen.“

Besonders wichtig sei es aber, der Region etwas zurückzugeben, sagt Kreuter. „Das soll ein Ort der Region sein, ein Begegnungsort. Es gäbe nichts Schlimmeres, als wenn hier mittwochs nachmittags niemand ist.“ Deswegen haben sich Kreuter und sein Team lange mit der Frage nach der Aufteilung des Hotels beschäftigt: Braucht man nur Einzelzimmer oder mehr Doppelzimmer, Suiten? „Das soll ein Ort werden für Menschen, die Spaß an der Region haben, die hier einen guten Wein trinken möchten, etwas essen und danach in einem besonderen Haus nächtigen möchten.“

Dass das Schloss eine besondere Ausstrahlung hat, durfte Kreuter selbst erleben. Denn eigentlich war das Bauwerk für seine Pläne, eine Kellerei für das bestehende Weingut der nachfolgerlosen Familie Kirsten/von Geldern zu bauen und einen Gastbetrieb in der Nähe eröffnen zu können, eine Zufallsentdeckung. Aber dann stand er mit seinem Winzer vor zwei Jahren im Herbst draußen im Park, 28 Grad, leichter Ostwind, ein Glas guten Wein in der Hand. Es folgten zwei Minuten Schweigen – und dann war allen klar: Das hier ist ein magischer Ort. „Es ist ein Ort der Kraft, das spürt man auch“, sagt Kreuter begeistert. Auch wenn das gerade unter Bauschutt und Staubschichten schwer zu vermitteln sei.

Mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung, Ausgabe B vom 25.11.2019, Seite 13. Bildmaterial von Stefanie Braun.