Der Moselort Kobern-Gondorf ist höchst kontaminiert – archäologisch gesehen. Der gesamte Ort sei deswegen Grabungsschutzgebiet, sagt Peter Henrich. Der Leiter der Außenstelle Koblenz der Landesarchäologie Rheinland-Pfalz hat sich in den vergangenen vier Wochen intensiv mit dem Ort beschäftigt.

Denn als es hieß, dass auf dem Gelände von Schloss Liebieg gebaut wird, war die Aufregung in der Landesarchäologie groß. Bei einer Probegrabung unweit des Schlossgeländes seien rund 80 Gräber gefunden worden – und das auf einer Fläche von sieben mal zehn Metern, sagt sein Kollege Matthias Gensty. Das wäre höchst aufwendig geworden, sagt der technische Grabungsleiter. Oft müsse man Gräber mit der Hand freilegen, um eventuelle Beigaben zu schonen.

Entwarnung im Schloss:

Gerade mal ein Dutzend Sarkophage wurden gefunden. Größtenteils bereits beraubt. „Baronin Liebieg hatte hier bereits gegraben, nur deswegen ist überhaupt das zweite hintere Gebäude entstanden – als Museum, um die Fundstücke auszustellen“, erklärt der neue Schlossbesitzer Andreas Kreuter.

Doch Kreuter ist mit einem Schlag nicht nur Schloss-, sondern auch Villenbesitzer geworden. Denn weitere Grabungen brachten etwas zutage, worauf Archäologen lange spekuliert hatten, es aber nie verorten konnten – bis jetzt: „Es gab immer wieder Hinweise darauf, dass in Kobern-Gondorf einmal eine römische Villa gestanden haben muss“, sagt Henrich. Der Fund auf dem Schlossgelände spricht nun dafür, dass sich der Bau hier befunden hat. Allerdings: Auch hier war die Baronin schon. Viele Fundstücke hat sie nicht zurückgelassen. Doch die Anlage an sich ist bereits eine große Entdeckung: „Was wir hier gefunden haben, ist etwas Seltenes, ganz Besonderes für die Region“, weiß Henrich. Es handele sich um einen sogenannten Kryptoportikus – einen unterirdischen Säulengang, der zwei Gebäudeteile miteinander verbindet. Der Großbau wurde wohl privat genutzt, gefunden hat man einen Keller, der wahrscheinlich als Lagerraum gebraucht worden war, und ein Becken. Mit dem haben sich die Archäologen besonders lange beschäftigt.

Denn fraglich war, ob es sich um ein Kelterbecken gehandelt haben könnte. Für die neue Nutzung, die Kreuter mit dem Gelände vorhat, hätte das mehr als gut gepasst. Dort, wo bis vor Kurzem eine Lagerhalle für Autos stand, soll eine Weinkellerei entstehen. Wegen der gibt es die Ausgrabung überhaupt. Die Kellerei soll mehrgeschossig werden, die Trauben fallen ohne Pumpbewegung durch die Etagen, was eine bessere Qualität verspricht. Für das unterste Geschoss musste man graben.

Wäre man da nun auf eine römische Kelteranlage gestoßen, wäre das Bild perfekt gewesen – tat man aber nicht. „Wir haben in entsprechender Literatur gesucht und uns mit Experten unterhalten“, sagt Henrich. Ein kleiner Abfluss hat der Kelterthese das Ende bereitet. Was ein Becken für Trauben hätte sein können, war wohl schlicht eine Badeanlage. Wahrscheinlich ein Kaltwasserbecken. Römische Villa, in Hanglage, mit direktem Blick auf die Mosel – auch bei den fühlfaktor großer Wert gelegt. Nicht nur in puncto Außenanlage und schönem Ausblick.

Kobern-Gondorf ist archäologisch gesehen ein höchst kontaminiertes Gebiet: Bei praktisch jedem Bauprojekt werden wissenschaftliche Funde gemacht. So auch bei Schloss Liebieg. Neben einigen Gräbern wurde nun eine römische Villa auf dem Gelände des Schlosses gefunden. Schlossbesitzer Andreas Kreuter (links) sowie die Archäologen Matthias Gensty und Peter Henrich (rechts) erklären den Fund.

Bei den Römern war die Körperpflege mehrteilig, viele Badezimmer in einem Haus waren mehr als eine Annehmlichkeit. „Im Prinzip nicht viel anders als heute auch“, sagt Henrich. Irgendwann wurde die Villa aufgegeben und dem Verfall überlassen. Wahrscheinlich wurden einige Steine von ihr auch in Kobern-Gondorfer Häusern verbaut. Irgendwann müsse es zudem einen verheerenden Starkregen gegeben haben, der Hänge an der Mosel ins Rutschen brachte. „Die Villa war verschüttet, ähnlich wie Funde in Bad Neuenahr-Ahrweiler und Wittlich“, sagt Henrich. Darauf erstreckte sich dann das Gräberfeld, das vom Schloss bis zur Brücke reicht.

In 1000 Jahren kann eben viel passieren. Nun muss die römische Villa dem Neubau weichen. „Wir haben mehr als 1000 Fotos gemacht, die nun digital zusammengesetzt werden, um die Villa virtuell auferstehen lassen zu können“, erklärt Gensty. Das Maximum an Wissen wurde herausgeholt, aber man könne wegen eines solchen Funds auch nicht alles stoppen: „Sonst könnte man nie bauen.“ Zumindest teilweise soll die Villa erhalten bleiben. „Wir wollen, sofern es möglich ist, die Steine im Bau wiederverwenden“, sagt Kreuter. Zudem überlege man, die virtuelle Villa vor Ort zu präsentieren – vielleicht als Hologramm im neuen Weingut.

Mit freundlicher Genehmigung der Rhein-Zeitung, Ausgabe B vom 27.11.2019, Seite 17. Bildmaterial von Stefanie Braun.